Gäste-Kultur und Dorfverein -
Wangen am Untersee

Das Tor als Erinnerungsort
zur ehemaligen Wangener Synagoge

Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde am vergangenen Sonntag der neue Erinnerungsort eingeweiht, mit dem der Gäste-, Kultur- und Dorfverein an die früher direkt am See stehende Wangener Synagoge erinnern möchte. Die Synagoge wurde am 10. November 1938 von Radolfzeller SS-Männern zerstört. "Noch heute", so Ortsvorsteher Thomas von Gottberg in seiner begrüßenden Ansprache, "können einst von Juden erbaute Wohnhäuser in unserem Dorf von der friedlich gelebten christlich-jüdischen Dorfgemeinschaft erzählen, jedoch nicht die Synagoge, die einst an diesem Platz am See stand, und an die bislang der vor rund vierzig Jahren von der Familie Wolf gestiftete Gedenkstein erinnert hat."

Dort, wo früher die Synagoge stand, ist heute ein Campingplatz. Campingmobile stehen während der Saison an dem einst heiligen Ort. Im Winter aber ist der Platz frei, und durch das Tor, das die Initiative rund um die Organisatorin Vera Floetemeyer-Löbe jetzt errichtet hat, geht der Blick des Besuchers ungehindert auf das Schweizer Ufer und zurück in ferne historische Zeiten.

Thomas von Gottberg: "Das Tor, das Sie heute vor sich sehen, entspricht nicht dem originalen Zugang zum Gelände der Synagoge, sondern nimmt Elemente dieses Zugangs und des eigentlichen Eingangs auf. Wir möchten gerne die Sicht auf dieses Gelände und unsere gemeinsame Geschichte eröffnen. Deshalb soll dieses Tor während der Winterzeit, in der der Tourismusbetrieb ruht, geöffnet sein, und den Spaziergänger einladen, durch das Tor zu sehen - mit dem sehenden wie mit dem historischen Auge - und das Gelände zu betreten, das für die Geschichte von Wangen eine so wichtige Bedeutung hat."

Als "Enkelin des letzten Vorstehers der jüdischen Gemeinde" und Tochter des letzten Wangener Juden Nathan Wolfs berichtete Dr. Hannelore König von ihren Erinnerungen an diesen Tag, nach dem nichts im Dorf mehr war wie zuvor. "Vom 10. November 1938 an war das Leben meiner Eltern von Angst bestimmt. Bei jedem Schellen an der Haustür fuhren wir zusammen. Viele Leute mieden uns, manche aus Angst, manche aus anderen Gründen. Andere wieder kamen nachts, um uns zu sagen, wie leid ihnen alles tue." Um so mehr, so ihr glücklicheres Fazit mehr als siebzig Jahre später, "freue ich mich, dass ich heute hier stehe, dass Sie alle hier sind und dass die Wangener erkennen, dass ihre jüdische Geschichte auch eine Bereicherung darstellt."

Die Gedenktafel zeigt folgen Text:

  Christlich-Jüdisches Leben in Wangen
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts Ansiedlung erster jüdischer Familien aus Vorarlberg, Schwaben und dem Elsass in Wangen
1759 Bau der ersten Synagoge aus Holz
1826 Einweihung der neuen aus Stein errichteten Synagoge
1852 Bau des jüdischen Schulhauses
Jüdischer Bevölkerungsanteil mittlerweile rund 40%
Zusammenleben mit der christlichen Gemeinde von gegenseitigem Respekt geprägt Jüdische Bürger sind im Gemeinderat
Neben Synagoge und jüdischer Schule gab es Mikwe (Frauenbad), koschere Metzgerei und jüdische Wirtschaften
1880 Beginn der Abwanderung jüdischer Familien in die Städte nach der bürgerlichen Gleichstellung mit freier Wohnortswahl in Baden seit 1864
Anfang des 20. Jahrhunderts noch 20 jüdische Bürger in Wangen
1927 Feier zum 100-jährigen Bestehen der Synagoge mit einem ökumenischen Gottesdienst
1938 10. November
Inbrandsetzung der Synagoge durch Truppen der SS-Kaserne Radolfzell
Widerstand eines christlichen Wangener Bürgers gewaltsam gebrochen
Mißhandlung männlicher Juden und vorübergehende Verschleppung ins KZ Dachau
1940 22. Oktober
Deportation der letzten 7 Wangener Juden ins Internierungslager Gurs (Frankreich)
1945 Rückkehr des Arztes Dr. Nathan Wolf und seiner Schwester Selma Wolf aus dem Schweizer Exil, Wiederaufnahme des Arztberufes durch Dr. Wolf, alsbald kommissarischer Bürgermeister, danach Gemeinderat
1970 Tod des letzten Juden des Dorfes Dr. Nathan Wolf
Mit seinem Tod erlischt die Landjudengemeinde Wangen
nicht unser Gedenken an eine gelebte christlich-jüdische Gemeinschaft

(Für vertiefende Information wird auf die im Rathaus Wangen einsehbaren bzw. hörbaren Dokumente verwiesen)

Text / Bilder Anne Overlack